Skip to content

Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Menu

Und plötzlich hat niemand mehr geflaggt

In der Media­thek der Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung steht seit Mai 2020 ein zwei­tei­li­ger, jeweils 90 Minu­ten lan­ger Doku­men­tar­film zum Abruf bereit. Sein Titel Ber­lin 1945 – Tage­buch einer Groß­stadt. Autor ist der Fern­seh­re­gis­seur und -pro­du­zent Vol­ker Hei­se. In dem Film wird »das Jahr 1945 chro­no­lo­gisch als mul­ti­per­spek­ti­vi­sches Mosa­ik vor­ge­stellt: In Ber­lin 1945 kom­men Deut­sche und Alli­ier­te, ein­fa­che Bür­ger, Sol­da­ten, Jour­na­li­sten, Poli­ti­ker, Zwangs­ar­bei­ter, Unter­ge­tauch­te, Ver­bre­cher und Hel­den zu Wort. Ein Chor aus vie­len Stim­men bil­det ein kol­lek­ti­ves Tage­buch. Erzählt wird aus den Blick­win­keln der Zeitgenossen.«

Vier Jah­re spä­ter, im Dezem­ber 2024 und damit kurz vor dem 80. Jah­res­tag, leg­te Vol­ker Hei­se mit 1945 den Film sozu­sa­gen in Buch­form vor, erzählt »chro­no­lo­gisch und detail­reich das letz­te Jahr des Zwei­ten Welt­kriegs, basie­rend auf Tage­bü­chern, Brie­fen und Augen­zeu­gen­be­rich­ten, Erin­ne­run­gen und unver­öf­fent­lich­tem Archiv­ma­te­ri­al«. Der 1961 in dem an der Weser gele­ge­nen nie­der­säch­si­schen Städt­chen Hoya gebo­re­ne Hei­se hat das Buch sei­nen Eltern gewid­met, »die bei­de Kriegs­kin­der waren«.

Zwar dürf­te Hei­se die wesent­li­chen Quel­len schon für sei­nen Doku­men­tar­film recher­chiert haben, doch mit dem Buch ist ein eigen­stän­di­ges Werk ent­stan­den, in dem sich nach­le­sen lässt, was im Film viel­leicht schnell am Ohr vor­bei­rauscht. Prompt klet­ter­te 1945 auf Platz 1 der Sach­buch­be­sten­li­ste von Die Zeit, Deutsch­land­funk Kul­tur und ZDF und wird als »eine nie dage­we­se­ne Chro­nik der Schick­sals­mo­na­te von Sil­ve­ster bis Sil­ve­ster« gefei­ert, »span­nend wie ein Kri­mi«. Und gut les­bar, füge ich hin­zu, denn kaum hat­te ich mit der Lek­tü­re begon­nen, lagen schon 50 Sei­ten hin­ter mir. Geschich­te war leben­dig geworden.

Das Jahr 1945 als histo­ri­scher Wen­de­punkt, als eine Zäsur ohne­glei­chen, als Nie­der­la­ge und Befrei­ung in einem. Im Gespräch mit rbb Radio 3, dem vor­ma­li­gen Kul­tur­ra­dio des Sen­ders für Ber­lin und Bran­den­burg, benann­te Hei­se das Ambi­va­len­te des Jah­res: »Zum einen ist es eine Nie­der­la­ge für das Deut­sche Reich, eine Nie­der­la­ge mora­lisch, mili­tä­risch, wirt­schaft­lich und sozi­al, auf allen Ebe­nen. Das ist die eine Sei­te. Gleich­zei­tig ist es die Befrei­ung vom Faschis­mus. Und dann gibt es auch eine wahn­sin­nig star­ke Kon­ti­nui­tät. Die Leu­te hören schließ­lich nicht auf zu sein, wer sie sind, oder das zu machen, was sie machen. Die­se Mischung aus einem har­ten Bruch bei gleich­zei­ti­ger Kon­ti­nui­tät, die habe ich ver­sucht in dem Buch zu erzählen.«

Und das ist ihm gelun­gen. Täter und Opfer, Men­schen im Wider­stand und blind­äu­gi­ge, end­sieg- und wun­der­waf­fen­gläu­bi­ge Mit­läu­fer, deut­sche, sowje­ti­sche, eng­li­sche, ame­ri­ka­ni­sche Sol­da­ten kom­men zu Wort. Eben­so: Jour­na­li­sten und Pres­se­re­fe­ren­ten, KZ-Häft­lin­ge, Befehls­ha­ber und Mario­net­ten aus dem Umfeld des Man­nes, der von allen nur »der Füh­rer« genannt wur­de. Wir tref­fen auf das letz­te Auf­ge­bot und auf ver­bis­se­ne Par­ti­sa­nen des Wer­wolfs. Die letz­ten Nazi-Ver­bre­chen, began­gen an inhaf­tier­ten Wider­stands­kämp­fern und KZ-Häft­lin­gen, Zwangs­ar­bei­tern und kriegs­mü­den Deser­teu­ren, unge­heu­er­lich in ihrer Grau­sam­keit, ihrer Bru­ta­li­tät und ihres men­schen­ver­ach­ten­den Zynis­mus, weni­ge Wochen, weni­ge Tage vor dem Kriegs­en­de, erschüt­tern uns. Wir lesen Noti­zen von Adolf Eich­mann und Wern­her von Braun, SS-Sturm­bann­füh­rer und Raketenforscher.

Wir erfah­ren die Gedan­ken der sech­zehn­jäh­ri­gen Waren­haus-Sekre­tä­rin Bri­git­te Eicke, die im Nazi-Reich auf­ge­wach­sen ist und nichts ande­res kennt. Wir lesen in den Auf­zeich­nun­gen von Hit­lers Sekre­tä­rin, in den letz­ten Brie­fen des Wider­stands­kämp­fers Graf von Molt­ke kurz vor sei­ner Ermor­dung und im Tage­buch des Pro­pa­gan­da­mi­ni­sters Goeb­bels oder in den Auf­zeich­nun­gen des Gene­ral­stabs­chefs des Hee­res Guderian.

Wir tref­fen auf den 22-jäh­ri­gen Kurt Von­ne­gut, der als Sol­dat der US-Armee in der Eifel nach Beginn der deut­schen Arden­nen-Offen­si­ve gefan­gen genom­men wor­den war, der als Kriegs­ge­fan­ge­ner nach Dres­den kam, wo er im Febru­ar die Luft­an­grif­fe mit­er­leb­te. Er wur­de nach Kriegs­en­de ein bekann­ter US-ame­ri­ka­ni­scher Sci­ence-Fic­tion Autor und ver­ar­bei­te­te die Kriegs­er­leb­nis­se in sei­nem berühm­ten, 1969 erschie­ne­nen Roman Schlacht­hof 5 oder Der Kin­der­kreuz­zug. Der Titel bezieht sich auf den dama­li­gen Vieh- und Schlacht­hof in Dres­den, in des­sen Kel­ler Von­ne­gut zusam­men mit ande­ren den Feu­er­sturm überlebte.

Wir tref­fen auf Erich Käst­ner, auf Wil­helm Pieck, der in Mos­kau die Teil­neh­mer eines Kur­sus der Par­tei­schu­le der KPD begrüßt, wir tref­fen in Mos­kau auf die Polit­kom­mis­sa­re Wolf­gang Leon­hard und Wal­ter Ulb­richt. Wir begeg­nen dem sowje­ti­schen Kriegs­be­richt­erstat­ter und Schrift­stel­ler Was­si­li Sem­jo­no­witsch Gross­mann, der in sei­nen Repor­ta­gen für die Zei­tun­gen Praw­da und Roter Stern über alle gro­ßen Ereig­nis­se des Krie­ges berich­te­te, an der die Rote Armee betei­ligt war, von der Schlacht um Mos­kau, der Schlacht um Sta­lin­grad bis hin zur Schlacht um Ber­lin. Wir lesen in Erin­ne­run­gen von Kon­rad Wolf, Leut­nant der Roten Armee und spä­ter in der DDR einer der renom­mier­te­sten Film­re­gis­seu­re, und wir sind mit Geor­gi Kon­stan­ti­no­witsch Schu­kow, Mar­schall der Roten Armee, auf dem Weg nach Ber­lin. Und lesend sind wir bei der Befrei­ung der Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ausch­witz, Buchen­wald und Ber­gen-Bel­sen zugegen.

  1. April 1945, Hit­lers 56. Geburts­tag. Armin Die­ter Leh­mann gehör­te zu einer Abord­nung der Hit­ler­ju­gend, die zum Gra­tu­lie­ren ange­tre­ten ist. Er notier­te: »Als ich Hit­ler sah, war ich schockiert. Er war ein sehr alter Mann gewor­den. (…) Sei­ne Hän­de zit­ter­ten, und die Augen sahen so wäss­rig aus, als ob sie mit Trä­nen gefüllt waren.« Die Ber­li­ner Schü­le­rin Lilo G., am sel­ben Tag: »Nie­mand hat zu Hit­lers Geburts­tag geflaggt.« Und Kauf­haus-Sekre­tä­rin Bri­git­te Eicke schrieb in ihr Tage­buch: »Heu­te hat unser Füh­rer Geburts­tag, wir haben Angst vor dem heu­ti­gen Tag, Flie­ger­alarm von ½ 10 – 12 Uhr mit­tags, das war die Gra­tu­la­ti­on. (…) Herr Dr. (ihr Vor­ge­setz­ter) sagt, wenn wir uns auch in den näch­sten Tagen nicht wie­der­se­hen soll­ten, wir soll­ten ver­trau­en und kei­ne Angst haben, der Füh­rer macht ein Expe­ri­ment, und so ganz zum Schluss wen­det sich doch noch alles zum Guten.«

Die­se Wen­de kam am 30. April, dem Tag, an dem um 15 Uhr das rote Sowjet-Ban­ner auf dem Reichs­tag weh­te: Hit­ler und sei­ne Frau Eva bege­hen in der Reichs­kanz­lei Selbst­mord. Er schießt sich mit der Pisto­le in den Mund, sie nimmt Zyan­ka­li. Am Tag danach, am 1. Mai, ver­kün­det der neue Reichs­prä­si­dent, Groß­ad­mi­ral Karl Dönitz. über den Rund­funk dem deut­schen Volk: »Unser Füh­rer Adolf Hit­ler ist gefallen.«

Ein fran­zö­si­scher Zwangs­ar­bei­ter, der in Ber­lin-Prenz­lau­er Berg sein Kel­ler­ver­steck ver­lässt, notiert: »Etwas Unver­gleich­li­ches scheint in der Luft zu schwe­ben, etwas, das ich nicht fas­sen kann und für das ich kei­ne Wor­te fin­de. Doch plötz­lich wird alles klar: Ruhe! Ruhe! Die ohren­be­täu­ben­de Ruhe nach all den Tagen und Näch­ten vol­ler Explo­sio­nen, Dröh­nen, Schüs­sen. Und nun kann man das Zit­tern der Luft spüren.«

Dann zeigt der Kalen­der den 8. Mai, den Tag der Befrei­ung von Krieg und Natio­nal­so­zia­lis­mus, den Tag, an dem die deut­sche Wehr­macht voll­stän­dig kapi­tu­lier­te. Wil­helm Kei­tel, Chef des Ober­kom­man­dos der Wehr­macht, unter­zeich­net in Ber­lin den Kapi­tu­la­ti­ons­ver­trag. Und der Augen­zeu­ge Kon­stan­tin Michai­lo­witsch Simo­now, einer der meist­ge­le­se­nen sowje­ti­schen Kriegs­be­richt­erstat­ter und spä­ter ein berühm­ter Schrift­stel­ler, notier­te: »Wäh­rend sie (die Alli­ier­ten) unter­schrei­ben, ver­än­dert sich Kei­tels Gesicht schreck­lich. (…) In Erwar­tung der Sekun­de, da er an der Rei­he ist, zur Feder zu grei­fen, sitzt er steif und starr da. Der gro­ße Offi­zier, der hin­ter sei­nem Ses­sel steht, weint.«

1945 ist ein Buch, das Sei­te um Sei­te fes­selt. Dies gilt genau­so für die in die­sem Text nicht mehr dar­ge­stell­te Col­la­ge histo­ri­scher Stim­men durch die näch­sten Mona­te bis zum Jah­res­en­de. Wie schon vier Jah­re zuvor der Film Ber­lin 1945 ist auch das Buch ein »chro­no­lo­gisch-mul­ti­per­spek­ti­vi­sches Mosa­ik«. Es ist das Por­trät eines Jah­res, ich zitie­re aus dem Klap­pen­text, »wie wir es noch nicht gese­hen haben«.

Den­noch möch­te ich bei allem Lob eines kri­tisch anmer­ken: Eine knap­pe Zeit­ta­fel und ein Glos­sar im Anhang mit Anga­ben zu histo­ri­schen Per­so­nen, so wie ich es am Bei­spiel Kurt Von­ne­gut ver­sucht habe, hät­te dem Buch gut­ge­tan. Acht Jahr­zehn­te sind eine lan­ge Span­ne Zeit, für heu­ti­ge Lese­rin­nen und Leser vor­bei und verweht.

 Vol­ker Hei­se: 1945, Rowohlt Ber­lin Ver­lag 2024, 464 S., 28 €. – Die Pro­duk­ti­on »Ber­lin 1945 – Tage­buch einer Groß­stadt« ist unter der Adres­se www.bpb.de in der Media­thek abrufbar.