In der Mediathek der Bundeszentrale für politische Bildung steht seit Mai 2020 ein zweiteiliger, jeweils 90 Minuten langer Dokumentarfilm zum Abruf bereit. Sein Titel Berlin 1945 – Tagebuch einer Großstadt. Autor ist der Fernsehregisseur und -produzent Volker Heise. In dem Film wird »das Jahr 1945 chronologisch als multiperspektivisches Mosaik vorgestellt: In Berlin 1945 kommen Deutsche und Alliierte, einfache Bürger, Soldaten, Journalisten, Politiker, Zwangsarbeiter, Untergetauchte, Verbrecher und Helden zu Wort. Ein Chor aus vielen Stimmen bildet ein kollektives Tagebuch. Erzählt wird aus den Blickwinkeln der Zeitgenossen.«
Vier Jahre später, im Dezember 2024 und damit kurz vor dem 80. Jahrestag, legte Volker Heise mit 1945 den Film sozusagen in Buchform vor, erzählt »chronologisch und detailreich das letzte Jahr des Zweiten Weltkriegs, basierend auf Tagebüchern, Briefen und Augenzeugenberichten, Erinnerungen und unveröffentlichtem Archivmaterial«. Der 1961 in dem an der Weser gelegenen niedersächsischen Städtchen Hoya geborene Heise hat das Buch seinen Eltern gewidmet, »die beide Kriegskinder waren«.
Zwar dürfte Heise die wesentlichen Quellen schon für seinen Dokumentarfilm recherchiert haben, doch mit dem Buch ist ein eigenständiges Werk entstanden, in dem sich nachlesen lässt, was im Film vielleicht schnell am Ohr vorbeirauscht. Prompt kletterte 1945 auf Platz 1 der Sachbuchbestenliste von Die Zeit, Deutschlandfunk Kultur und ZDF und wird als »eine nie dagewesene Chronik der Schicksalsmonate von Silvester bis Silvester« gefeiert, »spannend wie ein Krimi«. Und gut lesbar, füge ich hinzu, denn kaum hatte ich mit der Lektüre begonnen, lagen schon 50 Seiten hinter mir. Geschichte war lebendig geworden.
Das Jahr 1945 als historischer Wendepunkt, als eine Zäsur ohnegleichen, als Niederlage und Befreiung in einem. Im Gespräch mit rbb Radio 3, dem vormaligen Kulturradio des Senders für Berlin und Brandenburg, benannte Heise das Ambivalente des Jahres: »Zum einen ist es eine Niederlage für das Deutsche Reich, eine Niederlage moralisch, militärisch, wirtschaftlich und sozial, auf allen Ebenen. Das ist die eine Seite. Gleichzeitig ist es die Befreiung vom Faschismus. Und dann gibt es auch eine wahnsinnig starke Kontinuität. Die Leute hören schließlich nicht auf zu sein, wer sie sind, oder das zu machen, was sie machen. Diese Mischung aus einem harten Bruch bei gleichzeitiger Kontinuität, die habe ich versucht in dem Buch zu erzählen.«
Und das ist ihm gelungen. Täter und Opfer, Menschen im Widerstand und blindäugige, endsieg- und wunderwaffengläubige Mitläufer, deutsche, sowjetische, englische, amerikanische Soldaten kommen zu Wort. Ebenso: Journalisten und Pressereferenten, KZ-Häftlinge, Befehlshaber und Marionetten aus dem Umfeld des Mannes, der von allen nur »der Führer« genannt wurde. Wir treffen auf das letzte Aufgebot und auf verbissene Partisanen des Werwolfs. Die letzten Nazi-Verbrechen, begangen an inhaftierten Widerstandskämpfern und KZ-Häftlingen, Zwangsarbeitern und kriegsmüden Deserteuren, ungeheuerlich in ihrer Grausamkeit, ihrer Brutalität und ihres menschenverachtenden Zynismus, wenige Wochen, wenige Tage vor dem Kriegsende, erschüttern uns. Wir lesen Notizen von Adolf Eichmann und Wernher von Braun, SS-Sturmbannführer und Raketenforscher.
Wir erfahren die Gedanken der sechzehnjährigen Warenhaus-Sekretärin Brigitte Eicke, die im Nazi-Reich aufgewachsen ist und nichts anderes kennt. Wir lesen in den Aufzeichnungen von Hitlers Sekretärin, in den letzten Briefen des Widerstandskämpfers Graf von Moltke kurz vor seiner Ermordung und im Tagebuch des Propagandaministers Goebbels oder in den Aufzeichnungen des Generalstabschefs des Heeres Guderian.
Wir treffen auf den 22-jährigen Kurt Vonnegut, der als Soldat der US-Armee in der Eifel nach Beginn der deutschen Ardennen-Offensive gefangen genommen worden war, der als Kriegsgefangener nach Dresden kam, wo er im Februar die Luftangriffe miterlebte. Er wurde nach Kriegsende ein bekannter US-amerikanischer Science-Fiction Autor und verarbeitete die Kriegserlebnisse in seinem berühmten, 1969 erschienenen Roman Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug. Der Titel bezieht sich auf den damaligen Vieh- und Schlachthof in Dresden, in dessen Keller Vonnegut zusammen mit anderen den Feuersturm überlebte.
Wir treffen auf Erich Kästner, auf Wilhelm Pieck, der in Moskau die Teilnehmer eines Kursus der Parteischule der KPD begrüßt, wir treffen in Moskau auf die Politkommissare Wolfgang Leonhard und Walter Ulbricht. Wir begegnen dem sowjetischen Kriegsberichterstatter und Schriftsteller Wassili Semjonowitsch Grossmann, der in seinen Reportagen für die Zeitungen Prawda und Roter Stern über alle großen Ereignisse des Krieges berichtete, an der die Rote Armee beteiligt war, von der Schlacht um Moskau, der Schlacht um Stalingrad bis hin zur Schlacht um Berlin. Wir lesen in Erinnerungen von Konrad Wolf, Leutnant der Roten Armee und später in der DDR einer der renommiertesten Filmregisseure, und wir sind mit Georgi Konstantinowitsch Schukow, Marschall der Roten Armee, auf dem Weg nach Berlin. Und lesend sind wir bei der Befreiung der Konzentrationslager Auschwitz, Buchenwald und Bergen-Belsen zugegen.
- April 1945, Hitlers 56. Geburtstag. Armin Dieter Lehmann gehörte zu einer Abordnung der Hitlerjugend, die zum Gratulieren angetreten ist. Er notierte: »Als ich Hitler sah, war ich schockiert. Er war ein sehr alter Mann geworden. (…) Seine Hände zitterten, und die Augen sahen so wässrig aus, als ob sie mit Tränen gefüllt waren.« Die Berliner Schülerin Lilo G., am selben Tag: »Niemand hat zu Hitlers Geburtstag geflaggt.« Und Kaufhaus-Sekretärin Brigitte Eicke schrieb in ihr Tagebuch: »Heute hat unser Führer Geburtstag, wir haben Angst vor dem heutigen Tag, Fliegeralarm von ½ 10 – 12 Uhr mittags, das war die Gratulation. (…) Herr Dr. (ihr Vorgesetzter) sagt, wenn wir uns auch in den nächsten Tagen nicht wiedersehen sollten, wir sollten vertrauen und keine Angst haben, der Führer macht ein Experiment, und so ganz zum Schluss wendet sich doch noch alles zum Guten.«
Diese Wende kam am 30. April, dem Tag, an dem um 15 Uhr das rote Sowjet-Banner auf dem Reichstag wehte: Hitler und seine Frau Eva begehen in der Reichskanzlei Selbstmord. Er schießt sich mit der Pistole in den Mund, sie nimmt Zyankali. Am Tag danach, am 1. Mai, verkündet der neue Reichspräsident, Großadmiral Karl Dönitz. über den Rundfunk dem deutschen Volk: »Unser Führer Adolf Hitler ist gefallen.«
Ein französischer Zwangsarbeiter, der in Berlin-Prenzlauer Berg sein Kellerversteck verlässt, notiert: »Etwas Unvergleichliches scheint in der Luft zu schweben, etwas, das ich nicht fassen kann und für das ich keine Worte finde. Doch plötzlich wird alles klar: Ruhe! Ruhe! Die ohrenbetäubende Ruhe nach all den Tagen und Nächten voller Explosionen, Dröhnen, Schüssen. Und nun kann man das Zittern der Luft spüren.«
Dann zeigt der Kalender den 8. Mai, den Tag der Befreiung von Krieg und Nationalsozialismus, den Tag, an dem die deutsche Wehrmacht vollständig kapitulierte. Wilhelm Keitel, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, unterzeichnet in Berlin den Kapitulationsvertrag. Und der Augenzeuge Konstantin Michailowitsch Simonow, einer der meistgelesenen sowjetischen Kriegsberichterstatter und später ein berühmter Schriftsteller, notierte: »Während sie (die Alliierten) unterschreiben, verändert sich Keitels Gesicht schrecklich. (…) In Erwartung der Sekunde, da er an der Reihe ist, zur Feder zu greifen, sitzt er steif und starr da. Der große Offizier, der hinter seinem Sessel steht, weint.«
1945 ist ein Buch, das Seite um Seite fesselt. Dies gilt genauso für die in diesem Text nicht mehr dargestellte Collage historischer Stimmen durch die nächsten Monate bis zum Jahresende. Wie schon vier Jahre zuvor der Film Berlin 1945 ist auch das Buch ein »chronologisch-multiperspektivisches Mosaik«. Es ist das Porträt eines Jahres, ich zitiere aus dem Klappentext, »wie wir es noch nicht gesehen haben«.
Dennoch möchte ich bei allem Lob eines kritisch anmerken: Eine knappe Zeittafel und ein Glossar im Anhang mit Angaben zu historischen Personen, so wie ich es am Beispiel Kurt Vonnegut versucht habe, hätte dem Buch gutgetan. Acht Jahrzehnte sind eine lange Spanne Zeit, für heutige Leserinnen und Leser vorbei und verweht.
Volker Heise: 1945, Rowohlt Berlin Verlag 2024, 464 S., 28 €. – Die Produktion »Berlin 1945 – Tagebuch einer Großstadt« ist unter der Adresse www.bpb.de in der Mediathek abrufbar.