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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Durch MIK zum Sieg

Was haben Fred Schmid aus Mün­chen und Joe Biden aus einer Klein­stadt in Penn­syl­va­nia gemein­sam? Nicht viel. Der Öko­nom vom ISW und der ver­ab­schie­de­te US-Prä­si­dent stell­ten jedoch kurz vor Trumps pol­tern­dem neu­em Antritt über­ein­stim­mend fest, dass man, wie einst am 17. Janu­ar 1961 der repu­bli­ka­ni­sche Prä­si­dent Dwight D. Eisen­hower, vor den Gefah­ren eines mili­tä­risch-indu­stri­el­len Kom­ple­xes war­nen müs­se. Biden hat­te zudem geäu­ßert: »Ich bin ähn­lich besorgt über den Auf­stieg eines tech­nisch-indu­stri­el­len Kom­ple­xes, der eine ech­te Gefahr für unser Land dar­stel­len kann.« Gemeint war die gefähr­li­che Kon­zen­tra­ti­on der Macht in den Hän­den eini­ger weni­ger Super­rei­cher, die Lawi­nen von »Fehl- und Des­in­for­ma­tio­nen« aus­lö­sten und die »Wahr­heit durch Lügen ersticken«. Das Hin­zu­fü­gen der Mäch­ti­gen der Medi­en, nun auch der moder­nen »sozia­len Medi­en«, in den MIK war ein neu­es Ele­ment bei Biden. Das ISW hat­te auf die­sen Aspekt schon lan­ge ver­wie­sen. »Wenn die Sche­re in unse­rem Kopf der Bun­des­wehr gehört«, habe ich in unse­rer gewerk­schaft­li­chen Jour­na­li­sten­zeit­schrift M – Men­schen machen Medi­en, Nr. 4/​1996 dazu eine Unter­su­chung titu­liert. Heu­te ähnelt die Bericht­erstat­tung der gro­ßen Medi­en über die Bun­des­wehr dem Pro­pa­gan­da­jour­na­lis­mus auto­ri­tä­rer Regime.

Welt­weit ist der Mili­tär­in­du­strie­el­le Kom­plex auf dem Vor­marsch. Dies in einer Zeit, da alle drei­zehn Sekun­den ein Kind an den Fol­gen von Hun­ger stirbt. »Nein, es stirbt nicht, es wird ermor­det«, zitiert Fred Schmid den lang­jäh­ri­gen UNO-Son­der­be­richt­erstat­ter für das Recht auf Nah­rung, Jean Zieg­ler. Wenn es nicht Rüstung und Krie­ge gäbe, könn­ten heu­te zwölf Mil­li­ar­den Men­schen aus­rei­chend ernährt wer­den. Der­zeit gibt es eine Welt­be­völ­ke­rung von neun Mil­li­ar­den Men­schen und für die­se reicht es auch nicht. Über die Ent­wick­lung in der EU stellt Fred Schmid in sei­ner Unter­su­chung des Insti­tuts für sozi­al-öko­lo­gi­sche Wirt­schafts­for­schung e. V. aus Mün­chen fest:

»Mit der Nato-2%-Marke, dem Ukrai­ne-Krieg und der damit postu­lier­ten ›Zei­ten­wen­de‹ gewinnt der Mili­tär-Indu­strie-Kom­plex zuneh­mend auch in gro­ßen euro­päi­schen Nato-Län­dern an Ein­fluss.« In Deutsch­land ver­ei­ni­gen sich die Säu­len Waf­fen­in­du­strie, Mili­tär und poli­ti­sche und per­so­nel­le Lob­by zum MIK. Ein ande­rer For­scher, Lühr Hen­ken aus Ber­lin, berich­te­te lan­ge vor der Zei­ten­wen­de­re­de des Kanz­lers, wie bei ihm Anfang Novem­ber 2020 eine Grund­satz­re­de des Inspek­teurs des Hee­res, Gene­ral­leut­nant Alfons Mais, Ent­set­zen aus­lö­ste. Der sprach vor dem För­der­kreis Deut­sches Heer e. V. dar­über, wie das Heer sei­ne Ori­en­tie­rung, nach der, so wört­lich, »unrecht­mä­ßi­gen Anne­xi­on der Krim 2014 durch Russ­land« ändert: von der Fokus­sie­rung auf »Inter­na­tio­na­les Kon­flikt­ma­nage­ment«, womit mehr oder weni­ger robu­ste Aus­lands­ein­sät­ze gemeint sind, auf »Lan­des- und Bünd­nis­ver­tei­di­gung«, was so viel heißt wie ein Land­krieg mit Russland.

Zwi­schen den drei Säu­len des MIK – Mili­tär, Rüstungs­in­du­strie, poli­ti­sche Klas­se – wech­selt das bestim­men­de Ele­ment immer wie­der hin und her. Uns wird ein­ge­re­det, die Poli­tik, das Par­la­ment habe das Heft in der Hand. Doch es zeigt sich etwas ande­res: Die Gene­ra­li­tät bestimmt die Rich­tung. Das ist der Rede und ande­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen von Mais anzu­mer­ken. Als sei­nen »abso­lu­ten pla­ne­ri­schen Schwer­punkt« bestä­tigt Mais die Zusa­ge an die Nato, bis 2027 eine zu 100 Pro­zent aus­ge­rü­ste­te Divi­si­on auf­ge­stellt zu haben. Die Erfül­lung die­ses Ziels wur­de nach dem Beginn des Ukrai­ne­krie­ges auf die­ses Jahr vor­ge­zo­gen. Die­ser Groß­ver­band umfasst drei Kampf­bri­ga­den mit zusam­men ca. 18.000 bis 20.000 Sol­da­ten und ist ein Zwi­schen­schritt auf dem Weg zur Auf­stel­lung von drei sofort ein­setz­ba­ren Divi­sio­nen, also zehn Bri­ga­den, bis 2029. Der Hee­res­in­spek­teur: Deut­sches Heer muss bereit zum Krieg und Sieg sein. Was Mais noch nicht sag­te, ist, dass sich dadurch bis 2029 die Schlag­kraft sei­nes Hee­res ver­dop­peln wird, denn aus heu­te sechs­ein­halb Bri­ga­den wer­den dann zehn. Und sind sie heu­te nur zu 70 Pro­zent aus­ge­rü­stet, wer­den sie es dann zu 100 Pro­zent sein. Die­se eher schon bekann­ten Details wer­den nun aber noch getoppt durch sein laut ver­kün­de­tes Cre­do, »unter Lan­des- und Bünd­nis­ver­tei­di­gung müs­sen die ein­ge­setz­ten Trup­pen durch­set­zungs­fä­hig, kriegs­be­reit und sie­ges­fä­hig sein«. Und zusam­men­fas­send: »Noch­mal: Ziel des Hee­res ist Kriegs­tüch­tig­keit, ein­satz­be­rei­te Kräf­te allein genü­gen nicht: Wir müs­sen ein­stecken, wie­der auf­ste­hen, gegen­hal­ten und letzt­end­lich gewin­nen kön­nen!« Kriegs­be­reit und kriegs­tüch­tig – hier waren die Begrif­fe schon gege­ben, die dann vier Jah­re spä­ter als eine Sprach­schöp­fun­gen des Boris Pisto­ri­us ange­se­hen wur­den. Und die aus­wei­sen, wer im MIK das Sagen hat: die Generalität.

Zu reden ist auch von Lars Kling­beil, SPD-Vor­sit­zen­der. Er gehört zu den Poli­ti­kern, die nicht nur auf Lob­by­isten hören, son­dern selbst Lob­by­ar­beit im Inter­es­se der Rüstungs­in­du­strie betrei­ben. Kling­beil beeilt sich regel­mä­ßig, in sei­nem Wahl­kreis in der Nähe der Rhein­me­tall-Pro­duk­ti­ons­stät­ten alles auf die Bedürf­nis­se der Kriegs­vor­be­rei­tung und -füh­rung aus­zu­rich­ten. Kling­beils Nach­bar ist Reser­ve­of­fi­zier MdB Hen­ning Otte von der CDU, der Vize­vor­sit­zen­der des Ver­tei­di­gungs­aus­schus­ses des Bun­des­ta­ges, mit sei­nem Wahl­kreis rund um Unter­lüß, dem Pro­duk­ti­ons­ort von Rheinmetall.

Ja, die Lob­by­isten der Rüstungs­in­du­strie sit­zen direkt in den Par­la­men­ten. Agnes Strack-Zim­mer­mann (FDP), die EU-Abge­ord­ne­te, lang­jäh­ri­ge Vor­sit­zen­de des Ver­tei­di­gungs­aus­schus­ses des Bun­des­ta­ges und Für­spre­che­rin von Waf­fen­ex­por­ten größ­ten Aus­ma­ßes für den Ukrai­ne-Krieg, hat nun­mehr im EU-Par­la­ment den Vor­sitz im Ver­tei­di­gungs­aus­schuss. Sie gehört der Füh­rung der Deut­schen Atlan­tik-Gesell­schaft an. Beson­ders ein­fluss­reich ist ihr Sitz im Prä­si­di­um des »För­der­krei­ses Deut­sches Heer«. »In dem Kreis arbei­tet die Frau mit Ver­tre­tern von Lock­heed Mar­tin, Thys­sen­Krupp, Air­bus, Daim­ler, Rhein­me­tall, Krauss-Maffei Weg­mann, der Waf­fen­schmie­de Diehl und der fran­zö­si­schen Tha­les-Grup­pe zusam­men«, berich­tet am 9. Mai 2022 die Schwe­ri­ner Volks­zei­tung und fährt fort: »In der ›Gesell­schaft für Wehr­tech­nik‹ ist Strack-Zim­mer­mann eben­falls im Prä­si­di­um, in der ›Bun­des­aka­de­mie für Sicher­heits­po­li­tik‹ im Bei­rat.« Der Ver­ein Lob­by­Con­trol erklär­te: Die Gesell­schaft für Wehr­tech­nik und der För­der­kreis Deut­sches Heer sei­en »von der Rüstungs­in­du­strie stark beein­fluss­te Orga­ni­sa­tio­nen«, es sei kri­tisch zu sehen, dass dort Abge­ord­ne­te des Bun­des­ta­ges lei­ten­de Funk­tio­nen übernehmen.

Der MIK führt dazu, dass die angeb­li­che Par­la­ments­ar­mee zu einer von der Gene­ra­li­tät geführ­ten Bun­des­wehr wird. Vize­kanz­ler Robert Habeck von den Grü­nen for­der­te drei­ein­halb Pro­zent der deut­schen Wirt­schafts­lei­stung als Rüstungs­etat. Die­se Sum­me wer­de von »Exper­ten« gefor­dert, sag­te er offen. Exper­ten und nicht das Par­la­ment beschlos­sen die Sta­tio­nie­rung neu­er US-Rake­ten in Deutsch­land. Das SPD-Prä­si­di­um stimm­te der Sta­tio­nie­rung von hoch­prä­zi­sen, weit rei­chen­den und für das geg­ne­ri­sche Radar schwer zu erfas­sen­den US-Mit­tel­strecken­ra­ke­ten zu, da uns Russ­land dazu zwin­ge. Immer wie­der trom­melt die grü­ne Außen­mi­ni­ste­rin Anna­le­na Baer­bock für eine »här­te­re Gang­art gegen­über Chi­na«, und sie sieht unser Land »im Krieg gegen Russ­land«, das »rui­niert wer­den« müsse.

»Die deut­schen Streit­kräf­te« sei­en »so zu refor­mie­ren«, dass ihre »Ein­satz­be­reit­schaft auch bei Ein­sät­zen mit höch­ster Inten­si­tät gewähr­lei­stet ist«, so hieß es im AfD-Wahl­pro­gramm zur EU-Wahl, und uni­so­no klingt es in den Aus­sa­gen der Gene­ra­li­tät und der Par­tei­en der »Mit­te«. Es ist das gemein­sa­me Pro­gramm aller Tei­le des MIKs.

Ein über­grei­fen­der MIK-Kon­sens, der von den öko­li­be­ra­len Spek­tren des deut­schen Estab­lish­ments über sozi­al­de­mo­kra­ti­sche und kon­ser­va­ti­ve Milieus und die Rüstungs­in­du­strie bis zu den natio­na­li­sti­schen Krei­sen der AfD reicht, besteht in der For­de­rung nach einer immer signi­fi­kan­te­ren Auf­rü­stung der Bun­des­wehr. Fer­ner in der Mili­ta­ri­sie­rung des gesam­ten gesell­schaft­li­chen Lebens durch Wehr­pflicht, Auf­bau einer Hei­mat­ar­mee von Reser­vi­sten und Poli­zi­sten sowie mili­tä­ri­schem Ein­fluss auf das Bil­dungs­we­sen. (Sie­he dazu Rolf Gös­s­ner »Inne­re Mili­ta­ri­sie­rung und ihre Gefah­ren«, Ossietzky 2/​25).

Wenn Joe Biden hin­sicht­lich des MIK von einer »ech­ten Gefahr für unser Land« spricht, so kann die­se Fest­stel­lung auch für Deutsch­land gelten.

Alle Zita­te aus: Alfons Mais, Inspek­teur des Deut­schen Hee­res, »Das Deut­sche Heer im Lich­te ein­ge­gan­ge­ner Bünd­nis­ver­pflich­tun­gen – in Zukunft noch leist­bar?« Zu fin­den auf: https://www.bundeswehr.de.